Genossenschaften und der real existierende Sozialismus

Allgemein

Genossenschaften und der real existierende Sozialismus. Die Idee vom Gemeinschaftseigentum ist ein wesentlicher Bestandteil der Rechts­form Genossenschaft, aber auch Teil der sozialistischen Ideologie. In der Genossen­schaft werden wichtige Entscheidungen unten, also von der Mitgliederbasis getroffen. Im Sozialismus sollte die Macht vom Volke ausgehen und so weiter …

Historisch gesehen sind die Genossenschaftsidee und auch der Sozialismus Kinder der industriellen Revolution. 
Es ging darum, die Lebensbedingungen der verarmten Bevölkerung zu verbessern und einen Ausgleich zwischen dem knappen und teuren Kapital und der massenhaft vorhandenen billigen Arbeitskraft herzustellen.

Der Reichstagspolitiker und „Vater aller Volksbanken“, Schulze Delitzsch, hat sowohl das Genossenschaftsgesetz, aber auch die Sozialistengesetze auf den Weg gebracht. Es ging darum, das bestehende System zu stabilisieren. Der Sozialismus wollte die politischen Machtverhältnisse sowie die Eigentums- und Lebensverhält­nisse grundlegend ändern.

Bahro, ein DDR Wissenschaftler, beschreibt 100 Jahre später den real existierenden Sozialismus. Er unterscheidet, grob vereinfacht, zwischen dem sozialistischen Dogma „Einer für alle“ und der praktischen Umsetzung „Alle für einen“ oder „die Herrschaft des Menschen über den Menschen“ 

Also die Förderung einer elitären Klasse mit allen Privilegien durch einen auf Selbsterhalt ausgerichteten politischen Machtapparat der alle alten sozialistischen Hoffnungen zum Gespött der Massen gemacht hat. „Der freie Markt wurde durch die Planwirtschaft ersetzt. Die Steuerung erfolgt von oben nach unten. Die Partei verschmolz mit dem Staat und dieser übernahm schnell die Rolle des „bösen Kapitalisten“. Der Staat war mächtig, seine Bürger ohnmächtig. Zu den Dingen, die gut funktionierten, gehörten die Vernetzung staatlicher Kontrollinstanzen und die Überwachung. Diese dienten vor allem dazu, die Macht zu erhalten. 

Ähnliche Verhältnisse begegnen uns heute in den großen Bank- und Wohnungs­genossenschaften, die mehr als 90% aller Genossenschaftsmitglieder auf sich vereinigen. Ähnlich wie im real existierenden Sozialismus haben die „Genossen“ keinen Einfluss auf die Unternehmenspolitik ihrer Genossenschaft. Die Steuerung erfolgt nach dem Führerprinzip von oben nach unten. Auch hier gilt die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Vorstandsentscheidungen werden nachträglich zur Genehmigung vorgelegt und in offenen Abstimmungen per Handzeichen unter Gruppenzwang genehmigt.  

Die „Planwirtschaft“ wird zeitgemäß von internationalen Unternehmensberatungen übernommen. Demokratie, Transparenz und Mitbestimmung, Gleichbehandlung sind Fremdwörter. Freie Meinungsäußerung wird systematisch behindert. Kritische Mitglieder werden ausgeschlossen.

Die Genossenschaftsorganisation übernimmt die Interessenvertretung ihrer Genos­senschaften und mit staatlicher Unterstützung deren Steuerung. Der real existieren­de Sozialismus hat überlebt – in  der genossenschaftlichen Selbstverwaltung. 

Wenn es so weit gekommen ist, daß die zentralen Partei- und Staatsinstanzen sich selbst Residenzen, Luxuslimousinen, Ferienschlösser und Spezialkliniken genehmigen, dann hilft nur noch die Entmachtung des ganzen Klüngels, der die entsprechenden Positionen besetzt hält.” Rudolf Bahro: Die Alternative, Seite 459, zitiert nach http://philosophen-welt.blogspot.com

Weitere Genonachrichten zum Thema: Sind Wohnungsgenossenschaften am Gemeinwohl orientierte Unternehmen? Literaturempfehlung weiterführende Artikel Thema Wohnbaugenossenschaften und das genossenschaftliche Verbandswesen

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